LAND DER ZWEI WELTEN

Der unendliche Konflikt zwischen Flamen und Wallonen

Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen in Belgien macht sogar einen Schönheitswettbewerb zum Politikum.

Damit hatte Alizée Poulicek nicht gerechnet. Bei ihrer Wahl zur Miss Belgien im Dezember 2007 wurde die hübsche Blondine ausgebuht. Der Grund: Die 20-Jährige spricht kein Niederländisch, die Sprache der Flamen, der Mehrheit der Belgier. Bei dem traditionellen Interview in den zwei Landessprachen konnte Poulicek nur auf Französisch antworten, der Sprache der Wallonen. Vom Publikum des im flämischen Antwerpen stattfindenden Schönheitswettbewerbes gab es deshalb Häme. „Miss Belgien spricht kein Niederländisch“ titelte prompt die Zeitung „Het Laaste Nieuws“ am nächsten Morgen.

„Ich muss jetzt versuchen, mehr zu lernen. Als ich dieses Abenteuer begonnen habe, habe ich fast kein Niederländisch gesprochen“, erklärte Poulicek dem belgischen Fernsehsender VRT. Dabei spricht die Romanistik-Studentin eigentlich drei Sprachen fließend: Tschechisch, Französisch und Englisch. Nur eben kein Niederländisch. Die Tochter eines Tschechen und einer Belgierin lebte viele Jahre in Tschechien und kam erst vor sechs Jahren in das wallonische Huy nach Belgien. Dort sprach sie nur Französisch. Doch fast 60 Prozent der Belgier sind Flamen. Für sie ist es ein Skandal, wenn Miss Belgien nicht „tweetalig“, also zweisprachig ist.

Wie tief der Spalt zwischen den beiden Volksgruppen ist, hat die schwere Staatskrise nach den Parlamentswahlen im Juni 2007 gezeigt. Mehr als neun Monate hat es gedauert, bis der flämische Christdemokrat Yves Leterme eine Koalition aus fünf Bündnispartnern, den Liberalen und Christdemokraten beider Sprachengruppen sowie den frankophonen Sozialisten, bilden konnte. Doch die wesentlichen Streitfragen wurden im Koalitionsvertrag gar nicht erst berücksichtigt. So soll erst im Sommer über einen der Hauptstreitpunkte diskutiert werden: die neue Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen den Regionen und der Zentralregierung.

Der Ursprung des Konfliktes zwischen Flamen und Wallonen reicht bis in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges zurück – der Beginn einer von politischen Wechseln bestimmten Zeit. Damals befreiten sich die calvinistischen nördlichen Niederlande von der Herrschaft der katholischen Habsburger, der Süden, in etwa das heutige Belgien, verblieb bei den alten Herren. Nach Napoleons Herrschaft über Europa wurde das Gebiet des heutigen Belgiens im Wiener Kongress den Niederlanden zugestanden. Eine Konstruktion, die nicht lange hielt.

Fünfzehn Jahre später erhob sich die Bevölkerung der südlichen Gebiete gegen die Vorherrschaft der Niederlande. Das Kunstprodukt Belgien entstand. Seitdemleben die Niederländisch sprechenden Flamen, die französischsprachigen Wallonen und eine deutschsprachige Minderheit auf einer Fläche, etwa so groß wie Baden-Württemberg, zusammen. Bereits kurz nach der Staatsgründung formierte sich Widerstand von Seiten der Flamen gegen die politische und sprachliche Dominanz der Wallonen. Es dauerte Jahre bis auch Niederländisch als Amtssprache eingeführt wurde.

1993 verabschiedete das Parlament eine Verfassungsänderung in der Belgien von einem Zentralstaat in einen Bundesstaat umgeformt wurde. Die Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel genießen seither Selbstbestimmungsrechte, zum Beispiel in der Bildungs- und Energiepolitik, die die Spaltung Belgiens weiter verschärften. So gibt es in Flandern und Wallonien jeweils eigene Parteien, eigene Zeitungen und Fernsehstationen. Inzwischen kann man sogar Förderung im Rahmen des ERASMUS-Programms beantragen, wenn man im jeweils anderen Teil des Landes studieren will. Eine finanzielle Unterstützung der Europäischen Union, die eigentlich für Auslandsaufenthalte gedacht ist.

Alizée Poulicek hat nun in einem Intensivkurs Niederländisch gelernt. Trotzdem spricht sie sich dafür aus, die ganze Angelegenheit pragmatisch zu sehen: „Ob es nun Niederländisch oder Französisch ist: Man muss wissen, dass es keine Sprachprüfung ist, sondern ein Schönheitswettbewerb“ sagte sie selbstbewusst der flämischen Zeitung „Het Niewsblad“. Der Konflikt zwischen den Flamen und den Wallonen wird sich so leicht sicher nicht lösen lassen.

Gabriela Keseberg Dávalos

veröffentlicht auf: zdf. de Auslandsjournal