SHAKE IT BABY!!

Mit dem Säugling in die Disco

von Gabriela Keseberg Dávalos

 Wer Kleinkinder hat, sieht Discos nur noch selten von innen. Außer er lebt in den USA. Da nehmen Eltern ihre Babys einfach mit zum Tanzen. Ohne Kinder kommen sie am Türsteher erst gar nicht vorbei. In Amerika bereits ein Hit, in Europa auf dem Vormarsch: mit dem Baby in die Disco!

Club Southpaw in Brooklyn-New York. Aus den Boxen tönen Hits wie ‚Superfreak’ und ‚Hey  baby’. Auf der Tanzfläche ist mächtig was los. Es ist Samstag, zwei Uhr – Nachmittags!  Auf dem Gang reihen sich ein Kinderwagen nach dem anderen. Michael Jackson Songs werden von vergnügtem Quicken und fröhlichem Kinderlachen übertönt. Überall Seifenblasen und Ballontiere. Was um Himmels Willen geht hier vor?

Clubbing für Anfänger

‚Baby Loves Disco’ heißt der neueste Trend. Zusammen mit ihrem Nachwuchs mischen junge Eltern die amerikanische Clubszene neu auf. Jeder, der Kids zwischen sechs Monaten und sieben Jahren hat, darf hier zu heißer Discomusik über das Parkett fegen.

Auf dem ersten Blick unterscheiden sich die Baby-Parties gar nicht so sehr von den üblichen Discoabenden. Und doch ist vieles anders. Eine Bar ist zwar vorhanden, aber davor steht noch eine andere, kleinere. Und zwar auf Kniehöhe. Da türmen sich die Orangensaft- und Kakaomilchtetrapacks; Obst, Kekse und Mini-Brezeln liegen griffbereit daneben.  Musikklänge aus den 70ern bis in die Gegenwart erfüllen den Raum. Das finden die Erwachsenen klasse, erinnert sie so mancher Song an ihre eigene Kindheit. Auch die kleineren Gäste sehen glücklich aus, für sie ist schließlich jeder Song neu. Und die ‚chill-out area’ bietet Extras wie Buntstifte, Bilderbücher, Puzzles und kuschelige Kissen. Und noch etwas ist ungewohnt: der Boden ist ausnahmsweise blitzsauber. Wer will schon auf einem klebrigen Fußboden rumkrabbeln.

Junge Eltern rebellieren

Die Idee der Baby-Disco kam der Amerikanerin Heather Murphy im Jahr 2004. Wie viele Eltern mit Kleinkindern, ging sie nur noch selten auf Partys, sehnte sich jedoch nach einem ausgelassenen Tanzabend. Doch immer Babysitter zahlen war auf die Dauer zu teuer. Die eigenen Eltern zu weit weg. Nächtliches Feiern fiel somit entweder komplett aus dem Programm oder es konnte immer nur ein Elternteil losziehen. Und lange ausschlafen am nächsten Tag? Keine Chance!

Heather suchte nach einer Lösung, nach einer Aktivität, die sowohl Erwachsenen als auch ihren Sprösslingen Spaß macht. Zusammen mit einem Nachtclub in ihrer Heimatstadt Philadelphia startete sie deshalb ein Experiment. Einmal im Monat gab es Nachmittags-Disco. Und zwar für Eltern mit ihren Kindern. Und siehe da, der Ansturm war enorm! „Ich denke ‚Baby Loves Disco’ ist so erfolgreich, weil es von Eltern für Eltern gemacht wurde. Die Kombination aus ‚sauber’ und ‚cool’ macht es zu einer hippen Familienveranstaltung. Junge Eltern teilen nicht die traditionelle Denkweise, dass nach der Geburt der Kinder der alte Lebensstil komplett aufgegeben werden sollte“, sagt Heather.

Babytanzen weltweit

 Schon bald erreichte die erfolgreiche Fete auch den Big Apple, New York. Ab da verbreitete sich ‚Baby Loves Disco’ wie ein Lauffeuer. Los Angeles, Chicago, Boston, Honolulu – die Liste der US-Städte, in denen die Papa-Mama-Baby-Partyjetzt fest zum Freizeitprogramm gehört, ist lang. Fast dreißig US-Städte bieten mittlerweile monatlich einen Tanznachmittag für die ganze Familie. Im Internet sind die Tickets Monate im Voraus ausverkauft. Die Fangemeinde wächst täglich.

Auch im Ausland. Im Takt von Disco- und Funkmusik wackeln Kinderhüften und -popos mittlerweile in sieben verschiedenen Ländern. In Europa tanzen Säuglinge aus Großbritannien und Polen mit. „Mütter und Väter aus ganz London kommen hierher. Viele von ihnen hatten schon lange keine Möglichkeit mehr, tanzen zu gehen!“, erzählt Naomi Timperley, Gastgeberin von ‚Baby Loves Disco’ in der britischen Hauptstadt.

 Tanzen bis zum Sonnenuntergang

Dem Junior werden Breakdance moves beigebracht, der Tochter eine lässige Discochoreographie. Bei den Erwachsenen wirkt zwar alles etwas eingerostet, aber egal. In den Augen der Kinder sind die eigenen Eltern eh absolute Tanzprofis. „Die Party ist auch für die Eltern ein Spaß. Wir können andere Eltern und ihre Kinder treffen, mit unseren Kleinen tanzen und einen Samstag-Nachmittag-Cocktail trinken,” sagt Andy Hurwitz, selbst Vater von drei Kindern.

Gegen fünf Uhr Nachmittags ist der Spaß dann zu Ende. Erschöpft, manchmal schon schlafend, verlassen die Mini-Gäste das Lokal. Und auch die Eltern sind k.o., aber glücklich. Endlich mal wieder richtig abgetanzt!